1. Wann ist dir die Idee gekommen, sowas wie das 180° zu gründen?
Das ist natürlich eine längere Geschichte. Sie beginnt in meiner ersten Stelle in Oppin bei Halle. Ich übernahm eine Konfigruppe von 4 Mädchen. Mir war klar, dass ich Fahrten mit ihnen unternehmen wollte. Dafür und auch für das Vertrauen untereinander brauchte ich eine Co-Leiterin. Ich habe alle weiblichen Jugendlichen nach der Konfirmation angerufen, ob sie mir mit der Konfigruppe helfen würden. Eine Studentin sagte mir zu – der erste Schritt war getan. Kathrin war großartig. Sie kannte sich nicht besonders in der Bibel aus und kaum ging zum Gottesdienst. Wir haben zusammen Stunden vorbereitet, Fahrten gemacht und dann gemeinsam konfirmiert. Sie war immer fröhlich und unkompliziert. Der zweite Schritt passierte im Predigerseminar bei einem der Aufbaukurse. Ich erzählte von meiner Konfigruppe in Oppin. Die anderen Pfarrerinnen und Pfarrer im Entsendungsdienst interessierten sich – glaube ich – nicht dafür. Aber der Kursleiter war begeistert. Er meinte, so einfach Leute anzusprechen und zur Mitarbeit einzuladen, das ginge eigentlich in jeder Gemeinde. Der dritte Schritt war dann in Eisleben. Ich wollte Konfi weiter mit jugendlichen Mitarbeitern zusammen leiten. Ich fragte Ulrike Taggeselle, wen ich ansprechen könnte. Sie nannte mir drei Namen. Als zweites habe ich bei Julia angerufen und sie hat sofort am Telefon zugesagt. Julia war so bewusst und entschieden bei der Sache, dass ich es kaum glauben konnte. Sie hat vor jeder Konfistunde den Jugendraum für die geöffnet, die schon Schulschluss hatten. Ein ganzes Jahr lang. Es war ihre Idee und ihr Angebot. Das Klima in der Gruppe war dementsprechend großartig. Ich habe gelernt: So etwas kann ich als Hauptamtlicher durch keine Maßnahme erreichen. Der entscheidende Schritt war das KonfiCastle II im Februar 2004. Wenn ich mich nicht irre, waren es fünf Hauptamtliche, die ein Team von vielleicht 20 Jugendlichen und etwa 10 Pfarrern aneleiteten, so dass eine geniale Freizeit daraus wurde. Die Jugendlichen hatten so viel Verantwortung und sie haben sie getragen. Sie wurden ganz intensiv vorbereitet, begleitet und ermutigt. Es wurde oft gebetet und allen war klar, um was es hier ging. Das war Teamwork wie sie sein soll. Zwei, drei Wochen nach KonfiCastle haben Julia und ich zum ersten Mal darüber gesprochen, was wir in Eisleben ändern müssen, damit die evangelische Jugendarbeit so laufen kann, wie wir es bei KonfiCastle erlebt hatten.3. Warum ausgerechnet in Eisleben?
Da hat Gott uns hingestellt und dann alle Türen geöffnet.4. Deine 1. Konfigruppe in Eisleben hast du fast vollständig übernommen, warum?
Die Konfirmanden sind diejenigen in der Gemeinde, mit denen ein Pfarrer die meiste Zeit verbringt. Jeder Pfarrer wird sich wünschen, dass seine Konfis nach der Konfirmation in der Gemeinde zu sehen sind und sich einbringen. Wenn sie das tun, ist es ja ein Hinweis, dass der Glaube an den dreieinigen Gott, um den es ja geht, ihnen wichtig ist. Das Ziel des Konfirmandenkurses ist das im Wissen um die Bedeutung selbst gesprochene Ja zu Gott im eigenen Leben. Dass z.B. jemand nach der Konfirmation regelmäßig zum Gottesdienst kommt, kann nicht Ziel des Konfirmandenkurses sein. Aber es würde zeigen, dass diejenige Gott wirklich in das Leben integriert hat. Wenn Konfirmierte sich weiter engagieren, heißt dass für den Pfarrer und die Jugendleiterin, dass Gott die Herzen der Teens erreicht hat und sie dem nicht im Weg gestanden haben.5. Wurdest du durch das Projekt in deinem Glauben gestärkt?
Ja, oft. So vieles ist zusammengetroffen. Die Konfigruppe, Julia, KonfiCastle, die Ausschreibung von Fördermitteln für missionarische Projekte, die Bewilligung des Geldes für 180° bevor überhaupt eine einzige Gemeinde zugestimmt hatte, der Projektausschuss, der auch schlimme Zerreißproben bestanden hat, das Vertrauen der Gemeindekirchenräte bei der Zustimmung, die Naumburgfahrt. Wenn ein Glied in der Kette gefehlt hätte, gäbe es 180° nicht. Gott so am Wirken zu sehen und selbst beteiligt zu sein, das kann den Glauben stärken mehr als vieles andere. Auch die Geschichte von 180° ist so eine Kette von Unwahrscheinlichkeiten. Das erste Mitarbeiterseminar mit seiner Aufbruchstimmung, die Startparty, die Entwicklung der Band, die Auszeichnung bei "Fantasie des Glaubens", die Fördermittel für die Homepage.6. Liegt dir viel an dem Projekt oder nicht?
Es ist mein Arbeitsschwerpunkt.7. bist du mit deinen Mitarbeitern zufrieden oder eher nicht?
Die Mitarbeitenden bei 180° sind natürlich nicht meine Mitarbeiter. Ihr arbeitet für Gottes Reich, seid Gottes Mitarbeitende wie ich auch. Schwierigkeiten gibt es immer, vor allem wenn das Arbeitsfeld kompliziert ist. Gottes Wort in dieser Gegend weiterzusagen, ist schwer. Das macht Mühe und das erzeugt Spannungen. Jede und jeder hat Schwächen und Macken. Dann hat jeder schlechte Tage oder macht eine Aufgabe nur halb oder gar nicht. Das alles ist richtig. Aber vor allem will ich sagen: Viele Jugendmitarbeiter von 180° erzählen von Gottes Liebe, besonders deutlich wird das bei der Band und den Konfiteams. Viele laden Freunde und Freundinnen ein. Viele tragen das 180°-T-Shirt in der Schule und stehen auch öffentlich für Kirche ein. Viele haben sich im Herzen für ein Leben mit Gott entschieden. Damit seid ihr dem größeren Teil der Gemeinde voraus. Die Erwachsenen könnten – wenn sie es ernsthaft bemerkten – ganz viel bei euch lernen. Ihr seid in den evangelischen Gemeinden die eine ernsthaft missionarische Gruppe. Wenn ihr mal "groß" seid, dann sind vielleicht ganze Gemeinden so. Im Moment seid ihr auf vielen Gebieten Vorreiter. Das wir in einer kleinen Stadt wie Eisleben so viele so gute Mitarbeitende haben, haut mich immer wieder um. Manche reden, die Jugend wolle und könne immer weniger. Ihr wollt oft mehr als die Erwachsenen und so vieles davon könnt ihr. Zum Beispiel Konfi ohne den Pfarrer machen. Oder einen Jugendgottesdienst feiern. Oder eine große Party planen und vorbereiten. Das ist einfach großartig.8. Scott hast du vollständig ins Projekt einbezogen, warum?
Allein ist das nicht zu schaffen. Scott ist ein guter Freund und guter Teamarbeiter. Einen besseren Kollegen kann ich mir nicht wünschen. Er hat Erfahrung mit missionarischer Arbeit und sein Herz schlägt für die lutherische Kirche. Wir sind in vielen Dingen sehr verschiedener Meinung. Aber wir passen im Großen und Ganzen prima zusammen. Weil ich hoffte, dass Scott und Claudia kommen würden, habe ich keine Angst davor gehabt, 180° so groß anzudenken.9. Würdest du so was wie das 180° noch mal aufbauen, wenn ja/nein, warum?
Die Erfahrungen mit dem Projekt sind bisher überwiegend sehr gut, also warum nicht? Ich habe viel gelernt, wir durften viele schöne Erfolge genießen. Das tut gut und baut auf. Deshalb sind Projekte für die Zukunft der Kirche und besonders der Jugendarbeit eine wichtige Sache. Ich mache Projekte gern und werde das sicher auch noch einmal mit einer anderen Idee oder an einem anderen Ort ausprobieren. Es kommt natürlich darauf an, dass ein Projekt "passt". Es muss die Kirchengemeinden, die Jugend, die Räume, die Gemeindeentwicklung, die Bevölkerung und die Institutionen im Blick haben und muss zwischen ihnen die ideale Brücke schlagen. Sonst wird nichts draus. Deshalb wird an jedem anderen Ort die Arbeit verschieden aussehen.10. Bist du mit dem 180° nach einem Jahr zufrieden oder bereust du, dass du es angefangen hast?
Das sind zwei Fragen. Die zweite geht schnell. Ich bereue es natürlich nicht, sondern bin immer wieder sehr dankbar für das, was uns geschenkt worden ist. Nebenbemerkung: Ich habe 180° nicht angefangen. Ich habe an der Idee mitgewirkt, den Takt geschlagen und auch vieles erledigt. Aber 180°, das seid eigentlich ihr Mitarbeiter. Wir haben miteinander angefangen. Ich bin wirklich neugierig, wie es weitergeht. Wir haben auch für Eisleben manches verändert. Nach relativ kurzer Zeit können wir eine Erfolgsgeschichte vorweisen. Gott hat durch uns Menschenherzen bewegt und Leben verändert. Das ist enorm viel. Die Gemeinden sehen aktive Ehrenamtliche. Sie sehen vielleicht auch, dass wir (bisher) reichlich Geld zur Verfügung haben. Die Stadt sieht eine Auszeichnung und viel Bewegung. Das ist sehr viel wert. Ich bin sicher, dass, wenn 180° noch weitere so erfolgreiche Jahre haben sollte, sich in der kirchlichen Landschaft hier noch mehr bewegen wird.11. Definiere den Begriff 180°, was bedeutet er für dich?
Ich mag den Namen immer noch nicht besonders. Aber er ist doch unumstritten und akzeptiert, er ist deutschlandweit klar erkennbar, also o.k. Der Satz auf den T-Shirts war ja mein Vorschlag und er sagt, wie ich das verstehe: Gott kann Menschenleben verändern. Ich denke nicht, dass jeder das erfährt oder erfahren muss. Für viele in den Gemeinden ist der Weg zu Gott ein ganz allmählicher ohne viele Brüche oder Biegungen. Für viele wird der Glaube an Gott erst im Alter interessant. Aber es gibt eben auch Leute, die erfahren in ihrem Leben eine richtige Wende. Ich denke, das ist sehr selten. Ich wüsste keinen in unserer Jugend, von dem sagen würde, sein Leben hat sich komplett geändert. Gott hat manche von uns verändert. Mir kommt das aber immer eher vor wie beim Flugzeug, das über die Landebahn rollt und plötzlich hebt es ab. Dieselbe Richtung, etwas schneller, aber eben nun in der Luft, dadurch wird das Flugzeug ja erst zum Flugzeug. Für manche von denen, die wir erreichen wollen, wäre die Taufe wirklich die 180°-Umkehr. Und darauf hoffen wir ja auch. Es ist für die viel schwerer. Wenn Gott will, werden wir so was vielleicht auch einmal erleben.12. Was ist das Wichtigste am 180° für dich?
Jugendliche übernehmen Verantwortung für die Verkündigung des Glaubens an Jesus Christus und gestalten selbst die Kirche mit.